Eure Scheinheiligkeit kotzt mich an

By | 2. Februar 2015

Einer unserer wichtigsten Wahlprogramm-Punkte als Piratenpartei ist der Datenschutz. Direkt und auch indirekt, denn ohne Datenschutz können viele andere Dinge, wie z.B. die freie Meinungsäußerung, überhaupt nicht existieren. Immer wieder wird von uns für mehr Datenschutz geworben, die Datenschutzbeauftragte kritisiert und wir werden nicht müde zu erklären, warum die Vorratsdatenspeicherung so gefährlich ist. Aber all das ist irrelevant. Denn wir sind in diesem Punkt nicht glaubwürdig.

Wir können keine Tweets über die Datensammelwut von Apple über ein iPhone schicken, ohne uns lächerlich zu machen. Oder auf Facebook darüber reden, das die Vorratsdatenspeicherung so schlimm und böse ist. Da könnten wir auch gleich Flyer für Umwelt- und Gesundheitsschutz mit Bleifarbe drucken. Das hat so ca. die selbe Glaubwürdigkeit.

Wir haben Leute, die beschweren sich über die Funkzellen-Abfragen der Polizei via Twitter. Und übermitteln dabei ihre genaue GPS Daten. Andere finden es schlimm, das Apple so viele Daten über die Benutzer speichert, und 10 Minuten später vermeldet ein Tweet das die gerade an Location XYZ „eingechecked“ hätten.

Und natürlich haben wir als Partei immer noch Profile bei Facebook. Es gibt sogar Untergliederungen die alle Veranstaltungen nur dort veröffentlichen. Das Argument, dass dort ja die Wähler wären und man sie schließlich dort abholen müsse zählt nur mäßig. Wenn auf Facebook andere Informationen als auf der Homepage geteilt werden, und nur dort die Diskussion abseits von Mailinglisten möglich ist, dann binden wir die User an Facebook. Und gerade wir, als politische Partei, sollten damit sehr vorsichtig sein. Schließlich verraten die User auf Grund der Likes und Shares ihre politische Einstellung. Und zwar einem Portal, welches sich die Rechte in die AGB geschrieben hat, diese Daten gewinnbringend zu verkaufen, und bei Anfragen von Ermittlungsbehörden ein äußerst ausführliches Profil über die betroffene Person übermittelt. Natürlich auch ohne richterlichen Beschluss.

Manche Leute laden sogar Fotos mit Mitgliedern, Gästen an Infoständen usw bei Facebook hoch. Natürlich ohne zu fragen, ob die betreffende Person etwas dagegen hat, in der Datenbank von Facebook zu landen.

Ich ertrage ja viel innerhalb der Partei. Trotz aller Scheiße die gelaufen ist bin ich noch dabei. Aber dieses Thema bringt mich jedesmal wieder zum kotzen. Ich habe den Eindruck, das es viele einfach nicht verstehen wo das Problem liegt. Daher gebe ich hier einmal eine kleine Liste mit Dont’s

Wenn du für Datenschutz kämpfen willst:

  • verwende NICHT den selben Account mit dem du dich 2 Tage vorher noch über dein neues Apple-Device oder das neue Windows gefreut hast
  • tue das NICHT auf Facebook
  • tue das NICHT in einem Tweet der von „Twitter für iOS“ oder „Twitter für Android“ oder sonst was geschickt wurde (ja, das kann man sehen!)
  • poste nicht 50 Quadrillionen mal am Tag wo du dich gerade befindest
  • mach die Geo-Koordinaten für Tweets/Facebook/G+/Woauchimmer aus
  • mach das NICHT in einer Mail die du mit Outlook oder Apple Mail verschickst

Allgemein wäre es vermutlich sinnvoller auf viele diese Dinge zu verzichten, so weit es geht. Ich habe z.B. kein Smartphone, ich habe weder Windows noch irgendein Apple Produkt. Ich habe nicht einmal UMTS fürs Notebook. Und auf Bus/Zug-Fahrten lese ich lieber ein gutes Buch, da kommt man manchmal sogar ins Gespräch mit dem Gegenüber ( „Hey, den Autor mag ich auch sehr“ oder „Ist das Buch gut?“ sind keine Seltenheit!) und verrate dabei nicht sekundlich meine aktuelle exakte Position. Es fehlt mir dabei nichts. Ab und zu denke ich darüber nach, das es toll wäre jetzt ein Photo von einem Plakat oder sonst was zu Twittern, aber dafür gebe ich nicht mein letztes bisschen Privatsphäre auf.

Wenn wir als Piratenpartei weiter für Datenschutz einstehen wollen, dann müssen wir ihn auch leben. Keiner sagt dass das einfach wird, aber so wie aktuell kann es nicht weiter gehen.

 

3 thoughts on “Eure Scheinheiligkeit kotzt mich an

  1. Hannes

    Ich kann deine Entrüstung mal wieder förmlich spüren. Dennoch finde ich, dass die eigentliche Aufgabe einer Partei nicht sein sollte nicht vorzuleben wie sich persönlicher Datenschutz heute halbwegs wirksam herstellen lässt, wenn man sich darum bemüht. Viele mehr sollte es unser bestreben sein den Rahmen für Wirtschaft und Saat so zu stecken, dass jeder persönlichen Datenschutz genießen kann, unabhängig davon ob er sich darum bemüht oder nicht. Oder anders: Wir suchen Wege, dass ein sich-selbst-drum-kümmern nicht mehr notwendig ist. Das erscheint mir viel wichtiger.

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    1. BWowbagger

      Das Thema ist „Glaubwürdigkeit“. Grüne saßen einstmals stillend, strickend und vielleicht sogar stinkend neu in den Parlamenten. Der Anblick (vielleicht sogar der Geruch) gefiel vielen nicht. Aber es war glaubwürdig!

      Datenschutz predigen und Fressenbuch nutzen ist so ziemlich exakt das Gegenteil.

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